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Die Prostituierten-Räuber wurden wegen eines Schreibfehlers überführt. Damit kennt sich Sprachprofiler Raimund Drommel aus – er analysiert Texte, um Verbrecher zu jagen. Ein Gespräch über das Wort «Clup», seine Fälle in der Schweiz und den harten Schreibstil von Frauen.

Ende Juni wurde die Prostituierte Mandy in Basel ausgeraubt. Die Täter erbeuteten 11'000 Franken. Fast hätte es ein zweites Opfer gegeben. Doch die junge Frau aus Spreitenbach AG wurde frühzeitig gewarnt. Ein falsches «p» wurde dem Gaunerpaar zum Verhängnis. In beiden Nachrichten an die Frauen schrieben sie das Wort «Club» mit «p».

Der Schreibfehler fiel der Telefonistin, die die Termine der Frauen koordiniert, auf. Die Frauen alarmierten daraufhin die Polizei. Das deutsche Paar sitzt nun in Untersuchungshaft.

Verraten mit einer Textbotschaft – damit kennt sich Sprachprofiler Raimund Drommel (72) aus. Drommel entlarvt Worte, um Verbrechen aufzudecken. Er gilt als bester Sprachprofiler Deutschlands. Der promovierte Sprachwissenschaftler und Kriminalist über das verhängnisvolle Wort «Clup», seine aktuellen Schweizer Fälle und warum Frauen härter schreiben als Männer.

Was können Sie als Sprachprofiler über eine Person sagen, die «Clup» schreibt?
Raimund Drommel: Dass es eine Person ist, die keinen sehr hohen Bildungsgrad hat. Gebildete Menschen würden diesen Fehler nicht machen. Es ist kein Flüchtigkeitsfehler, denn der passiert nur einmal. Diese Person verwechselt «p» und «b» öfters, daraus kann man schon eine Menge ableiten.

Zum Beispiel?
Dass die Person diesen Fehler macht, kann regionale Gründe haben, weil er die Aussprache seines Dialekts übernimmt, oder aber die Person hat einen fremdsprachigen Hintergrund.

Könnte es nicht sein, dass der Täter mit dem Fehler absichtlich auf eine falsche Fährte locken wollte?
Theoretisch ist das möglich, passiert aber selten. Die Täter wollen nur ihre Nachricht loswerden und ihr Ziel erreichen, sodass ich nicht glaube, dass es eine falsche Fährte ist. Aber ich müsste den ganzen Fall kennen.

Gibt es heute eigentlich noch die Entführerschreiben mit Collagen aus Zeitungsbuchstaben?
In der Praxis ist das ausgestorben. Davon lebt nur noch der Krimi. Auch diese Schablonenschrift, die man plötzlich benutzte, weil man gelernt hat, dass man anhand der Handschrift jemanden identifizieren kann, ist ausgestorben. Obwohl, vor drei Jahren hatte ich noch einen Fall mit Schablonenschrift. Das war dann tatsächlich eine Person über 70 Jahre. Der Kommunikationsweg dieser anonymen Texte sagt schon viel aus über die Autoren. 

Machen Sie ein Beispiel!
Wenn Sie über längere Zeit mit Ansichtskarten gestalkt werden, können Sie davon ausgehen, dass es eine weibliche Person über 40 Jahre ist. 

Heute haben Sie es vor allem mit E-Mails und SMS zu tun. Was hat sich dadurch verändert?
Die Sorgfalt hat sich verändert. Früher konnte man mehr Nachdenken. Man hat getippt, nochmals drübergeschaut, dann erst abgeschickt. In der digitalen Welt werden die Nachrichten blitzschnell erstellt, es gibt keine Kontrolle mehr. Verbrecher schreiben heute schlechter. So kommen viel mehr spontane Merkmale in den Text mit rein. Somit auch viel mehr Flüchtigkeitsfehler. Umso spannender ist es bei diesem Fall, dass da ein systematischer Fehler ausfindig gemacht wurde. Das ist ein Signal.

Ist es heute einfacher oder schwieriger, Informationen herauszulesen? 
Heute ist die Spontanität grösser, es sprudelt aus den Leuten heraus. Sie sind unkontrolliert. Das erlaubt mehr Rückschlüsse auf die Persönlichkeit. 

Lässt sich aus einem Text die Gefährlichkeit des Autoren abschätzen?
Ich bin sehr vorsichtig darin, aus den Texten auf die Gefährlichkeit der Person zu schliessen. Es gibt die Redensart – und in Redensarten steckt immer ein Funken Wahrheit: Hunde, die bellen, beissen nicht. Also, wenn Leute viel drohen, passiert in der Regel wenig. Es gibt aber auch immer Gegenbeispiele. Aber wenn es aus den Leuten heraussprudelt, können wir Rückschlüsse ziehen auf die Planungsintelligenz. Ich sage meinen Mandanten immer: Wenn du entführt wirst, bete, dass es ein Profi ist. Wenn Profis uns entführen, haben wir eine reelle Überlebenschance. Der Täter agiert mit Kalkül und emotionsfrei. Amateure können ihre Handlungen oft nicht mehr kontrollieren und sind zu Kurzschlusshandlungen bereit. Das kann zu einer tödlichen Gefahr werden. 

 

Schon 1300 Fälle gelöst

Raimund Drommel, 1946 in Unterfranken (D) geboren, studierte Allgemeine Sprachwissenschaft, Romanistik, Anglistik, Phonetik, Sprachdidaktik, Heilpädagogik, Psychologie und Kriminologie. 1986 begründete er die «Sprachwissenschaftliche Kriminalistik» in Deutschland. Alles fing mit einem Polizeichef an, der anonym beleidigt wurde. Drommel ging der Sache nach. Seither analysiert er Texte wie Drohbriefe oder Bekennerschreiben und hilft, Verbrechen aufzuklären. Mittlerweile hat er 1300 Fälle gelöst.

Seine Auftraggeber sind Unternehmen, Anwaltskanzleien, Gerichte und Privatpersonen. Er hat auch Fälle in der Schweiz. Sein erster hierzulande war 1989 der Entführungsfall Karl Zünd. Drommel analysierte das handschriftliche Erpresserschreiben. Im Fall des deutschen Politikers Uwe Barschel, der 1987 in Genf tot in einer Badewanne aufgefunden wurde, wies er nach, dass dieser einen Brief, der als Fälschung galt, selber geschrieben hatte. Das unterstützt die Vermutung, dass Barschel ermordet wurde. Drommel lebt in Baden-Württemberg.

 

Haben Sie Schweizer Fälle?
Ja, regelmässig. Im Moment drei. Mobbing und Stalking sind auch in der Schweiz ein grosses Thema. Ich drücke allen Opfern die Daumen, dass es in der Schweiz auch bald einen Stalking-Paragrafen gibt, so wie wir in Deutschland einen haben.

Dürfen Sie etwas zu den Schweizer Fällen sagen?
Ein Topmanager wird durch einen Konkurrenten mit falschen Anschuldigungen geschädigt, um ihn aus dem Amt zu heben. Er soll Frauen im Unternehmen unter Druck gesetzt haben. Dann habe ich noch eine bekannte Unternehmerfamilie, bei der die beste Freundin einer milliardenschweren Erbin anonym mit falschen Anschuldigungen belastet wird. Man möchte wohl die Frauen entzweien. Die geschädigte Dame kam sogar persönlich zu uns nach Nordbayern.

Sie machen das seit den 70er-Jahren. Hat sich der Mensch kein Stück weit gebessert? 
Gerade in der digitalen Welt wird sehr viel gedroht. Die schlechten Menschen werden nicht weniger. Die Grundmotive sind seit jeher gleich, aber die Erscheinungsformen und die Kommunikationswege sind ganz verschieden. Ich sag immer: Im Mittelalter hat man eine Frau am Dorfplatz an den Pranger gestellt, heute stellt man Menschen im Internet an den Pranger. Damals schaute das ganze Dorf zu, heute die ganze Welt.

Was erkennen Sie in einem Text als Erstes?
Das Geschlecht. Die alten Vorurteile werden teilweise bestätigt: Frauen schreiben mehr, emotionaler und sind mehr am Prozess interessiert. Männer schreiben kürzer, weniger emotional und sind mehr am Ergebnis interessiert. Wenn etwas über mehrere Jahre andauert, ist es eher eine Frau. Männer würden so etwas normalerweise nicht durchhalten. Frauen schreiben härter. Ich kann das nur so erklären: Frauen agieren weniger mit physischer Gewalt, dafür teilen sie verbal umso härter aus.

Wer sind Ihre Auftraggeber?
Konzerne, Anwaltskanzleien, Gerichte und manchmal Privatpersonen. Meine Mandanten werden beleidigt, erpresst und bedroht. Ich analysiere auch Abschiedsbriefe oder Bewerbungen von Führungskräften. Neu beschäftigen mich Fake-Bewertungen, wo Unternehmen ihre Mitbewerber diskreditieren. Das wird häufiger werden. 

Eine Frage noch: Wie oft wird mit Mord gedroht?
Die Drohungen sind eher versteckt. In Unternehmen und in Beziehungen kommen Morddrohungen selten vor. Aber im Extremismus, wie jetzt gerade im Rechtsextremismus, wird konkret mit Mord gedroht. In den letzten Mordfällen aus dem rechten Lager ging den Morden eine Serie von Drohungen voraus.

Quelle: Schweizer Zeitung "Blick"

 

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